Direkt zum Inhalt wechseln

Zum Tod von Claus Breitenberger

Mit dem Fußball verheiratet: «Bredi» Breitenberger


Claus Breitenberger kennt sich aus. Er ist Fußballenthusiast. Hauptsächlich, wenn es um die Amateure auf der Ostalb und speziell um die Mannschaften seines Heimatorts Schwäbisch Gmünd geht. Sein Rat und seine Expertise sind durchaus gefragt. Beim TSB hat er schon als Linienrichter ausgeholfen und auch bei TSB-Mannschaftsbesprechungen ist er dabei, gerade wenn’s nicht so gut läuft. Bei der Normannia schreibt Breitenberger die Gegnervorstellungen fürs Stadionblatt. Und er unterstützt ab und zu auch Gmünder Unparteiische – gerade die jungen – und begleitet sie bei Spielen, die eine gewisse Brisanz erwarten lassen. 

Ein Telefon besitzt der Finanzbeamte in Teilzeit übrigens nicht. Er ist in seiner Freizeit aber über Facebook und per E-Mail erreichbar, wenn er sich nicht gerade – wie zumeist donnerstagabends zum Training der AH – in der TSB-Gmünd-Vereinsgaststätte aufhält, seinem «Wohnzimmer», wie Breitenberger augenzwinkernd erklärt. Auch seine Fußball-Touren organisiert «Bredi» überwiegend via Facebook. Hier berichtet der 49-Jährige auch über seine zwei bis drei Spielbesuche pro Woche. Dabei pflegt Breitenberger einen durchaus umfassenden Blick auf den Fußballsport und schafft es, Inter­essantes aus den Perspektiven der Fans, aber auch der Spieler, Trainer, Wurstverkäufer, Schiedsrichter zu erzählen.

Anfang der 1990er Jahre hatte Claus Breitenberger auch Fußball-Berichterstattungen für die «Rems-Zeitung» und die «Gmünder Tagespost» gemacht. Wenn ihn heute etwas ärgert, geht er es mit seinen Mitteln an: Zuletzt verfasste er einen an den wfv adressierten Brief, in dem er Vorschläge zu einer verbesserten Aufstiegsregelung z. B. mit Rele­gationsturnier machte.


Anna Meßthaler und Fabian Diehr im Gespräch mit Claus Breitenberger | Claus Breitenberger ist der bunte Hund auf der Ostalb, den jeder auf den Sportplätzen in der Region kennt. Er ist auf Facebook ein äußerst aktiver Poster dessen, was er selbst interessant findet. Dabei ist der 49-Jährige stets bemüht, objektiv zu sein, den Blick über den Tellerrand hinaus zu pflegen – durchaus mit Augenzwinkern. Neulich forderte er sogar nach einer Entgleisung von Spieler-Eltern bei einem Gmünder Schachturnier eine Coachingzone für den Brettsport … Und der Diplom-Finanzwirt ist der zufriedenste Mensch, der uns seit wirklich langer Zeit begegnet ist, vielleicht sogar der zufriedenste überhaupt. Wir besuchten «Bredi», der natürlich schon bei der Begrüßung beim Du war, in seiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd, im Vereinsheim des TSB, um etwas in seine Welt eintauchen zu dürfen.

Bredi, zu Beginn gleich zu den Zahlen: Wie viele Spiele besuchst du im Jahr? 
Vielleicht 120, 130 Fußballspiele und 20 Handballspiele. Mir geht’s aber nicht darum, Spiele zu zählen. Ich bin absolut kein Statistik-Freak. Historisches hat bei mir ebenfalls keine Priorität, mir geht es eher um die Emotionen beim und rund ums Spiel. Die Freude der Spieler, Trainer, Schiedsrichter ist auch meine Freude. Und ich versuche mit den Augen aller Beteiligten zu sehen. 

Ist das gewolltes, geplantes Programm?
Nein, das ist einfach, was mir Spaß macht. Auf den Amateurplätzen die Stimmung aufzusaugen und mich mit anderen Fußballbegeisterten auszutauschen.

Interessiert dich auch der bezahlte Fußball?
1999 Nürnberg gegen Bremen war mein einziges Bundesligaspiel, das ich je gesehen habe. Und auch nur, weil ich mit den Sportfreunden Dorfmerkingen unterwegs war. Die hatten damals ein Testspiel gegen die Nürnberger Reserve. Und wir haben für das anschließende Spiel Freikarten erhalten.

Trotzdem: Bist du auch Fan eines Profivereins?
Also wenn kein Amateurfußball oder Handball ist, dann komme ich vielleicht ins Vereinsheim und schaue, wie der VfB spielt. Aber ins Stadion würde ich nie gehen. Und zu Heidenheim ist aus früheren Zeiten noch der Bezug da. Aber auch das ist mir zu unpersönlich geworden, was aber in der Natur der Sache liegt und sich im Profibereich auch nicht ändern lässt. Und es ist natürlich ein Zeitproblem. Ich will mich halt voll dem Amateurfußball widmen.

Hast du die WM in Brasilien verfolgt? 
Das interessiert mich eigentlich nicht. Wenn ich Zeit hatte, habe ich mal reingeschaut. Aber hierfür brennt mein Herz nicht.

Sondern eher für den Amateurfußball?
Ja. Angefangen hat allerdings alles in den 1980er Jahren, als ich meine Kumpels in den Jugend-Teams des TSV Großdeinbach und des TSB Gmünd beim Kicken zugeschaut habe – ich war leider zu untalentiert fürs Fußballspiel auf dem Platz. Als dann interessante Spieler zum VfR Aalen und zu den SF Dorfmerkingen gingen, kamen diese Vereine als Nummer drei und vier halt auch zu meinem Spektrum dazu. Und so hat sich das immer weiterentwickelt. Derzeit bin ich samstags hauptsächlich in der Verbandsliga mit dem 1. FC Normannia Gmünd unterwegs. Und sonntags besuche ich zumeist Spiele in der Landesliga Staffel 2. Meistens bin ich bei den Spielen des TSGV Waldstetten, des FC Germania Bargau, der SG Bettringen, der SF Dorfmerkingen, des TV Echterdingen oder des TSV Bad Boll bin ich oft zu Gast. Beim SV Nehren war es dann wieder etwas Zufall. Der jetzige Co-Trainer Dennis Murr hat früher in Echterdingen gespielt unter Trainer Aleks Kalic, der wiederum ist ein Schulkamerad von mir. So gehen die Kontakte halt ihren Weg. 

Für die Normannia bist du ja auch organisatorisch tätig …
Die Normannia ist mir schon sehr ans Herz gewachsen. Hier arbeite ich ja auch beim Stadionblatt mit und schreibe ich die Gegnervorstellungen. Aber auch die Episode des zwischenzeitlich wieder aufgelösten FC Victoria Schwäbisch Gmünd habe ich miterlebt, wenngleich ich nie ein großer Victoria-Anhänger war.

Und was ist der Unterschied zwischen Profi- und Amateurfußball?
Ich widme mich dem Sport und mehreren Teams. Ich bin nicht Fan eines Clubs, sondern von der ganzen Region Ostalb. Bei den Profis ist der Fußball oft das Einzige, was die Fans haben. Viele leben für nur einen Verein und reisen diesem durch ganz Deutschland hinterher.

Wobei du ja auch einige Kilometer zurücklegst.
Ja, ich bin ein «Fußball-Tourist», aber ich fahre jetzt nicht wo ganz anders hin oder gar in andere Länder. Das mache ich auch sonst nicht.

Und wo verbringst du deine Ferien?
Ich kenne Deutschland und Baden-Württemberg noch nicht gut genug, warum soll ich da wegfahren? Und ich lege meinen Urlaub natürlich so in die fußballfreie Zeit, damit ich hier keine Spiele verpasse.

Du warst noch nie im Ausland?
Doch, doch, zuletzt vor etwa 10 Jahren beim Mannschaftsausflug mit der damals noch am Spielbetrieb teilnehmenden DJK Gmünd. 

Viele Kicker pflegen ja fast schon ein familiäres Verhältnis zu dir, wie schaffst du das?
Wenn ich einen Verein besuche, findet man mich nach dem Spiel immer im Vereinsheim. Und ich gehe auch immer auf die Leute zu, wenn ich etwas wissen will. In Neresheim beim Hallenturnier wurde ich sogar mit einer Flasche Sekt empfangen. Das ist schon der Hammer. 

Wie sieht für dich ein perfekter Fußballausflug aus?
Der ganze Tag muss stimmen. Schöne Anreise, mit dem Mannschaftsbus oder mit der Bahn, und dann am besten schon vor dem Spiel mit den Leuten zusammensitzen und etwas reden, ein gutes Spiel schauen und danach auch mit einem Bier oder einer Schorle mit Vereinsverantwortlichen fachsimpeln. Das fasziniert mich, diese Atmosphäre und die Möglichkeit, immer neue Leute kennenzulernen. Einmal kam ein Schiedsrichter nach dem Spiel auf mich zu, um mir mitzuteilen, dass es nach 10 Partien das erste Mal war, dass Dorfmerkingen unter seiner Spielleitung gewonnen hatte. Darüber war ich mir natürlich bewusst. Mich freute es aber, dass dazu auch der Schiri den Dialog suchte. 

Solche Tage sind ziemlich konträr zu deinem Job
in der Rechtsabteilung beim Finanzamt, oder?

Wenn man bei der Arbeit immer streiten muss, will ich das auf dem Sportplatz nicht tun.

Aber 130 Spiele im Jahr anschauen schafft man auch nur, wenn die Familie mitspielt …
… eine Frau zu finden, die mein Hobby teilt, ist nicht so leicht. Ich bin halt mit dem Fußball verheiratet (lacht). Das passt aber alles so, wie es ist.

Du schaffst es ja auch, dein zweites Hobby ideal mit dem Fußball zu verbinden …
Stimmt. Ich bin Eisenbahnfan, und bei den weiteren Fahrten zu den Spielorten plane ich immer neue Routen, um verschiedene Bahnstrecken zu sehen. Ein Auto vermisse ich nicht. Und wenn, dann nehme ich mit einem Spieler oder mit einem Trainer Kontakt auf und frage, ob ich zum Spiel mitfahren kann. Früher bin ich noch öfters mit dem Rad gefahren. Nach Dorfmerkingen oder nach Bonlanden. Das waren immer rund 50 bzw. 70 Kilometer ein Weg mit ganz schönen Steigungen. Zurück habe ich dann meistens den Zug genommen.

Und du bist immer rechtzeitig vor Ort?
Bisher hat das immer geklappt. Nur einmal bei der Rückfahrt der Sportfreunde Dorfmerkingen aus Pforzheim gab’s ein kleines Problem. Die im Mannschaftsbus dachten, dass ich im Fanbus bin, die im Fanbus dachten, ich sei im Mannschaftsbus. Und ich musste dann mit dem Zug heimfahren. Dann hat noch ein Blitz in die Oberleitung eingeschlagen – und ich war dann gegen Mitternacht zu Hause. Aber immerhin hatte ich so eine schöne Geschichte mehr zu erzählen.

Generell scheinst du ein sehr zufriedener Mensch zu sein, der bewusst mit seinem Leben umgeht.
Ja, Ende der 1990er Jahre bin ich auch auf Halbtagsarbeit umgestiegen, nachdem ein Kollege in der Finanzamt-Betriebsmannschaft auf dem Platz zusammengebrochen und gestorben ist. Einige Sekunden zuvor hatte ich mit ihm noch über eine Ecke gesprochen … Da wurde ich nachdenklich. Und ja, ich bin wirklich zufrieden hier mit meinem Leben. Zumal mir mein Chef für die wichtigen Spiele und auch für besondere Termine – so wie das Interview hier – immer gerne frei gibt.

Wie hat sich in deinen Augen der Amateurfußball in den vergangenen Jahren verändert?
Zum Positiven bei der Athletik, beim Laufvermögen der Spieler – schaut euch mal die WM 1974 an, das sieht aus wie AH-Fußball. Aber auch negativ: Der Zusammenhalt war früher besser. Heute verschwinden die Spieler nach dem Spiel sehr schnell. Früher saß man nach dem Spiel noch Stunden im Vereinsheim.

Was ärgert dich?
Bier aus dem Plastikbecher – das ist beim Amateurfußball eine Kultursünde. Und besonders ärgerlich ist es, wenn – wie auch schon bei einem Auswärtsspiel geschehen – die Fans der Heimmannschaft im Vereinsheim Gläser bekommen, wir aber aus Wegwerfbechern trinken müssen. Das ist ein Unding. Und es kommt auch schon vor, dass ich mir noch lange Gedanken mache, wenn die Spieler keine gute Einstellung zeigen. Aber ich versuche das nach außen hin möglichst nicht zu zeigen.

Welche Werte muss für dich ein Spieler haben?
Teamgeist, Disziplin, Sinn für Kameradschaft. Da bin ich vielleicht ein bisschen altmodisch, aber diese Eigenschaften sind mir schon wichtig. Und wenn ich mitbekomme, dass – egal wo – ein Spieler unentschuldigt beim Training oder gar bei einem Spiel fehlt oder sich einen Platzverweis wegen einer Disziplinlosigkeit leistet, bin ich schon angefressen. Solche Dinge kann ich auch im Amateurfußball nicht tolerieren. Aber so ist das halt, da wo das Herz dranhängt, tut es am meisten weh. |